Sebastian Deisler – ein Genie mit Depressionen

11. Oktober 2009

„Ich kam mir so lächerlich vor. In Berlin habe ich in meiner Wohnung gesessen, ich war bekannt in ganz Deutschland, ich war oben angekommen, und vor der Tür stand ein Mercedes. Aber das alles hat mich nicht glücklich gemacht. Ich habe mich gefragt, war’s das jetzt? Ich war todunglücklich”, zitiert ihn die „SportBild“.

Anfang 2007 hat sich der ehemals große Hoffnungsträger Sebastian Deisler wegen Depressionen aus dem Fussballgeschäft zurückgezogen, nachdem er bereits 7 Knieoperationen hinter sich hatte. Er wurde bis dahin als der Retter des deutschen Fussballs gefeiert und hat aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur „er war zu sensibel“ diese Rolle nie ausfüllen können. Was bis heute wundert: haben das die Funktionäre und die Mediziner nicht absehen können? Er war immer sehr introvertiert und zurückgezogen und als dann die Nachricht von dem Wechsel von Hertha zu Bayern München die Runde machte, hat er die Ablehnung seiner Hertha-Fans nicht verkraftet. Er wollte laut eigenen Aussagen seinen Wechsel sofort bekannt geben, was aber von Dieter Hoeness nicht geteilt wurde und als dann durch die Veröffentlichung in der Presse bekannt wurde, daß er ein Handgeld von 20 Mio. DM erhalten hat, war er bei den Fans von Hertha unten durch und klagt deshalb heute in seinem Buch Sebastian Deisler: Zurück ins Leben – Die Geschichte eines Fußballspielers den damaligen Hertha-Manager Dieter Hoeneß an:

„Dieter hat Hoeneß hat mich nach der Bekanntgabe meines Wechsels zu Bayern mit der öffentlichen Stimmung allein gelassen habe: „Stattdessen hat er zugesehen, wie ich aus Berlin hinausgeprügelt wurde. Das ist es, was mir den Fußball versaut hat. Das war mein Genickschuss. Heute weiß ich, dass ich damals hätte aufhören müssen.“

Weiter beschreibt er sich als empfindsam, aber nicht empfindlich und schon gar nicht schwach. Er hat sieben Knieoperationen hinter sich und ist jedes Mal wieder aufgestanden. Wieso wird Empfindsamkeit in unserer Gesellschaft mit Schwäche gleichgesetzt?

Seine innere Traurigkeit und Einsamkeit (Parallelen zu Michael Jackson) hat er versucht zu kompensieren, indem er lebte wie die meisten Profis:

„Ich war irritiert von dem Drumherum, überfordert. Als ich sah, was in Berlin meinetwegen veranstaltet wurde, habe ich versucht, auf Halligalli zu machen und so zu leben wie die meisten Fußballprofis. Ich habe mir schicke Uhren gekauft, teure Brillen, Klamotten wie sie. Wir sind abends die Läden abgefahren, Frauen haben wir natürlich auch kennengelernt (…). Ich habe mitgemacht, ich habe mitgelacht und dabei bemerkt, dass ich nicht froh war; ich fühlte mich wie ein trauriger Clown.“

Zu dem damaligen Zeitpunkt war Sebastian Deisler gerade mal knapp 21 Jahre alt, mit großen Hoffnungen für seine weitere Karriere und der Sorge, den Erwartungen der Fussballclubs und ganz Deutschland nicht gerecht werden zu können. Das macht Angst und wenn auch Dieter Hoeneß heute im Doppelpass dazu sagte, er habe viele Gespräche mit ihm geführt und versucht, ihm zu helfen, weil er von seiner Sensibilität wusste, fühlt er sich aber auch gleichzeitig durch Deislers Vorwürfe ungerecht behandelt. Hochachtung Jürgen Klopp! Er nahm Deisler in Schutz und man spürte eine große Empathie und Verständnis für die Krankheit und Sorgen des Spielers.

Es ist schon ein wenig anmassend, hier zu sitzen und über eine Krankheit zu sprechen, die wir glücklicherweise nicht haben. Er verarbeitet in diesem Buch seine Situation und das das nicht für jeden angenehm ist, der in dem Buch vorkommt, ist normal, aber er sollte damals der Retter des Fussballs sein und das hat er nicht verkraftet und das ist Deislers subjektive Meinung in dem Buch. Er hat von seinen 7 schweren Operationen am Knie berichtet und dann wird hier gesagt, daß ein Sportler damit umgehen muß, aber genau das war ihm eben nicht möglich. Deshalb nehme ich ihm das Buch nicht übel.

Bezeichnend war die Antwort von Hoeneß: „
“Wenn man darin nicht vorkommt, dann kann man so etwas sagen, aber wenn man mit solchen Vorwürfen konfrontiert ist und weiß, wie es wirklich war – Jürgen Klopp wirft sofort wieder ein: “das ist seine subjektive Meinung” und hier kommt auch noch der “Super-Experte” zu Wort: Herr Latteck und auch der Moderator glauben jetzt, daß es nicht Dieslers Meinung war, sondern er war fremdgesteuert von irgendwelchen Beratern oder Journalisten. Jetzt muss Herr Klopp auch noch erklären, wie ein Buch zustandekommt und will damit ausdrücken, daß es ein Bedürfnis von Sebastian Deisler war – als eine Art Therapie – seine Sicht der Dinge niederzuschreiben. Er hatte diese Unzufriedenheit schon vorher in sich und sie ist an dieser Stelle jetzt zum Ausbruch gekommen. Wir kennen auch andere Auswüchse unter jungen Fussballspielern: manche fangen an zu saufen, andere fahren viel zu schnell grosse Autos, andere werden zu Arschlöchern; glücklicherweise geschieht es nicht so häufig, daß es sich in die Richtung Depression entwickelt, wirft Jürgen Klopp ein.

Ich empfand Herrn Hoeneß und die anderen Beteiligten auch als sehr anmassend – wie es Jürgen Klopp erklärte, denn nur Sebastian Deisler selbst hat es als verantwortungsbewusster Mensch in der Hand, diese Entscheidung für sein Leben zu treffen. Herrn Hoeneß sollte sich im Gegenzug selber fragen, warum Sebastian Deisler seine Alternative für sich nicht gewählt hat. Wohin gehen Menschen, wenn sie Sorgen haben? Sie vertrauen sich denjenigen an, zu denen sie ein positives Gefühl haben und dazu hat Herr Hoeneß offensichtlich nicht gehört. Warum fühlt sich ein Manager angegriffen bei einem Thema, das nur ein Arzt oder Therapeut beurteilen kann? Selbst nach so vielen Jahren und dem Wissen dieser Krankheit ist Dieter Hoeneß nicht bereit, versöhnlich mit dem Thema umzugehen und beharrt darauf, daß er große Mühen und Anstrengungen unternahm, ihm zu helfen.

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Depressionen und Burn-Out-Krankheiten sind seit vielen Jahren in unserer Gesellschaft ein immer größeres Thema und es wundert nicht, daß es jetzt auch einen Fußballspieler getroffen hat und er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Er könnte damit eine Vorreiterrolle einnehmen und es jüngeren Kollegen erleichtern, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Was er aber sicherlich erreicht hat, ist eine Diskussion über den frühen Erfolgsdruck von jungen Talenten und der Umgang mit ihnen und ich wünsche mir mehr Trainer oder Manager mit dem Einfühlungsvermögen eines Jürgen Klopp. Danke!

Ottmar Hitzfeld sieht es sehr kritisch und hat oft bedauert, daß er die Probleme von Sebastian Deisler nicht früher gesehen hat.  Er sagt gegenüber der Bild:

“Manchmal denke ich, dass wir, wenn wir Sebastians Situation früher erkannt hätten, ihm so hätten helfen können, dass er dem Fußball nicht verloren gegangen wäre. Zu den schönsten Seiten des Trainerberufes zählt es sicher, wenn man seinen Beitrag dazu leisten konnte, dass ein Talent wirklich aufblüht. Umso schmerzlicher ist es umgekehrt, miterleben zu müssen, wenn eine Ausnahmebegabung wie Sebastian Deisler am Ende doch nicht ausgeschöpft werden kann. Deisler habe den Profifußball um eine Facette der Menschlichkeit bereichert, sagt der nunmehrige Schweiz-Teamchef. Und er kritisiert die Branche, in der junge Spieler zu früh wie eine Siegermaschine funktionieren müssen.”

Sebastian Deisler ist nur einer von vielen jungen Menschen, die dem Druck des frühen Ruhms nicht standhalten konnten und mir fallen große Parallelen zu Michael Jackson auf. Auch er sprach immer von seiner großen Traurigkeit und Einsamkeit trotz des großen Erfolges. Beide wurden zunächst heiß geliebt und dann durch die Medien fallengelassen und von den Menschen gehasst. Beiden wurde in der Presse nachgesagt, schwul zu sein, weil sie keine Freundin hatten. Sebastian Deisler erhielt Drohbriefe und Morddrohungen und Edmund Stoiber sprach von einem der größten Verlustgeschäfte des Vereins. Nach seinem Rückzug vom FC Bayern wurde er von Vereinskollegen als „Deislerin“ bezeichnet und hat deshalb bis heute keinen Kontakt zu ehemaligen Mitspielern. Erfolg und Reichtum kann eben menschliche Wärme und Geborgenheit nicht ersetzen.

Deisler sprach aber auch von dem angsteinflössenden Führungsstil von Felix Magath und auch das kennen wir aus vielen anderen Bereichen der Industrie, Wirtschaft und dem Showgeschäft. Menschen werden langfristig nicht durch Misstrauen und Angst motiviert, sondern indem man Vertrauen in sie setzt und durch Mut und Zuspruch Leistungen einfordert.

Sebastian Deisler hat sich völlig zurückgezogen, hat eine Langzeittherapie hinter sich und versucht langsam, ins Leben zurückzufinden. Noch ist er ohne Perspektiven: er lässt jeden Tag auf sich zukommen und arbeitet Tag für Tag an seiner Genesung. Dazu wünschen wir ihm viel Erfolg.

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